Gemäß dem Grundsatz „Je unbekannter, desto
exklusiver“ wählt der Mann von Welt seinen bevorzugten
Gastronomiebetrieb. Letzterer muss nicht unbedingt ein
Stammlokal sein. Wenn sich der Mann von Welt aber
entschließt regelmäßig in einem
bestimmten Lokal zu verkehren, dann sollte
er dieses sorgfältig auswählen.
Für tagsüber empfehlen sich Cafés
und Bistros mit einer kleinen, aber feinen Speisekarte.
Man erkennt sie häufig daran, dass dort auch Zeitungen
für die Besucher ausliegen. Wenn Sie morgens in einem
Café frühstücken, können Sie überdies oft auch
die Bekanntschaft alleinstehender Damen
machen. Nachmittags nehmen Sie im Café oder Bistro ihren
Fünf-Uhr-Tee zu sich, sofern sie nicht zum Tanztee ins
Kurparkcafé gehen. Die Cocktailstunde
verbringen Sie dagegen lieber in der Bar des örtlichen
Spielcasinos oder eines renommierten
Hotels.
Für das abendliche Diner kommen
Restaurants jeglicher Geschmacksrichtung
mit gehobenem Publikumsverkehr in Frage.
Zwar sollte man der lokalen Küche den Vorzug geben, aber
auch italienische oder asiatische Restaurants haben
bekanntlich ihre Reize. Es kommt aber letztendlich nicht
darauf an in einem Nobelrestaurant das
teuerste Gericht zu bestellen, sondern ein gutes Restaurant zu
finden, dass möglichst kaum einer kennt. Was
zugegebenermaßen sehr schwierig ist,
denn fehlende Bekanntheit ist für den Betreiber
früher oder später der Ruin. Es gibt aber auch heute noch Fälle,
wo ein renommierter Küchenchef aus dem stressigen
Betrieb eines Szenelokals aussteigt und sich irgendwo auf dem
Lande einen unscheinbaren Gasthof sucht, wo er zwar
weniger Zulauf hat, aber dafür ein weniger
anstrengendes Dasein führt. In solchen Lokalen erhalten
sie eine exquisite Küche zu annehmbaren Preisen
und brauchen sich auch nicht mit Snobs und neureichem Pöbel
herumzuschlagen. Halten sie nach solchen Lokalen
Ausschau!
Was die generelle Gastronomiementalität
betrifft, kann sich der Mann von Welt sehr gut an Spanien
orientieren. Die meisten Spanier gehen bis zu fünfmal
täglich in ihre „Bar“, aber sie bleiben nie lange.
Morgens trinken sie dort einen Kaffee und essen ihr
Frühstücksgebäck und mittags bestellen sie einen
Toast oder ein anderes, kleines Gericht mit einem Glas
Wein oder einem alkoholfreien Getränk. Nachmittags gibt es
wieder Kaffee und nach Feierabend, bevor es zum Abendessen
nach Hause geht, nehmen sie in ihrem Stammlokal ein
Glas Wein mit den bekannten Tapas zu sich. Die generelle
Verweildauer pro Besuch liegt bei höchstens
zwanzig Minuten. Für die Spanier ist ihre „Bar“
ein fester Bezugspunkt zwischen Zuhause und
Arbeitsstelle, aber – anders als in deutschen
Kneipen üblich – konsumieren die Spanier
dort Alkohol nur in geringen Mengen. Die
vergleichsweise kurzen Besuche
dienen vielmehr dazu im hektischen Alltag etwas
Ruhe zu finden und ein paar einfache Erfrischungen
zu sich zu nehmen. Diese Art der Gastronomiekultur ist in
Mitteleuropa weitgehend unbekannt und wird von
Mitteleuropäern häufig nicht
verstanden. Dem Mann von Welt kann sie jedoch als
Vorbild dienen, auch wenn er natürlich nicht
fünfmal am Tag sein Stammbistro aufsuchen muss.
Etwas entfernt ähnliches wie in Spanien findet
sich im deutschsprachigen Raum in den ländlichen Regionen
der Schweiz. Dort gibt es neben Frühstück, Mittag- und
Abendessen das sog. „Z’nüni“, ein zweites
Frühstück etwa gegen neun Uhr, welches
mindestens aus Kaffee und Gipfeli (Croissant) besteht (wenn
sie in Appenzell sind, probieren sie die hervorragenden
Znüni-Würstli), und das „Z’vieri“ eine
kleine Zwischenmahlzeit
um sechzehn Uhr. Eingenommen werden beide in
einfachen Landgasthöfen. In den städtischen
Agglomerationen wurde diese Sitte mittlerweile leider durch den
städtischen Lebensrhythmus verwässert und statt der
Landgasthöfe finden sich dort überall moderne Bistros und
Cafés.
Weiterhin bekannt sind die bayerische
Brotzeit, der traditionelle deutsche Nachmittagskaffee
und der englische Nachmittagstee, die sich jedoch im
wesentlichen auf die Zeit zwischen 16 und 17 Uhr
konzentrieren und mit der spanischen Gastronomiekultur
wenig gemeinsam haben. Des weiteren wird den Wienern
nachgesagt, dass das Kaffeehaus ihr zweites Zuhause wäre,
wo sie morgens frühstücken und die Zeitung lesen und
nachmittags ihre Melange mit Schlagoberst trinken.
Leider hat sich die Wiener Kaffeehauskultur nördlich der
Alpen nicht durchsetzen können.
Im übrigen bricht dem Manne von Welt - im
Gegensatz zum Snob - kein Zacken aus der Krone, wenn er sich auch
einmal an einem Imbissstand verpflegt. Ebenso sind einfache
Landgasthöfe durchaus akzeptabel, wenn das
Angebot stimmt.
Besuche in amerikanischen
Schnellrestaurants sind ein zweischneidiges Schwert. Zum
einen haftet dieser Form von Systemgastronomie
immer noch ein zweifelhafter Ruf an, andererseits ergeben die
offiziellen Lebensmitteltests immer wieder recht gute
Ergebnisse. Auch haben diese Lokale unbestreitbar ihre
Vorteile: Die Speisekarte ist allgemein bekannt,
Wartezeiten beim Bestellen sind recht kurz und man kann sich so lange
im Lokal aufhalten, wie man möchte, ohne ständig von einem
aufdringlichen Kellner belästigt zu werden. Für eine
schnelle (Business-) Mahlzeit zwischendurch sind sie somit durchaus
geeignet. Überdies bieten sie saubere Toiletten und
oft WLAN-Hotspots (teilw. gratis), gelegentlich sogar
regionale Zeitungen. Außerhalb von
Innenstadtlagen gibt es meistens auch
Gratis-Parkplätze. Vor allem Starbucks und
McDonalds mit seinem McCafé versuchen durch bequeme
Sitzmöbel und einem Lounge-Ambiente Business-Kunden
anzuziehen.
Falls Sie jedoch das Besondere suchen: Es gibt
fast überall in Europa außergewöhnliche Restaurants, die ihren
Gästen ein ganz außergewöhnliches Ambiente bieten. Z.B., über den
Dächern von Salzburg liegt Schloss Mönchstein in exponierter Lage.
Direkt in der Turmspitze befindet sich das „Kleinste Restaurant
der Welt“; genau der richtige Ort für ein luxuriöses 5-Gänge
Dinner. Oder wie wäre es mit einem Candle Light Dinner im Wiener
Riesenrad? Das Sauerländische Besucherbergwerk Ramsbeck bietet ein
„Gruben-Light-Dinner“ 300 Meter unter Tage. Natürlich
wird das Essen, u.a. Knochenschinken auf Sauerkraut mit
Kartoffeln, stilecht im Henkelmann serviert. Weltweit existieren nur
vier Restaurants, die ihren Gästen einen Einblick in ein
Meerwasseraquarium ermöglichen. Eines davon ist das La Mer
in Neuwied (www.restaurant-lamer.de). Und in den Tropenhäusern in
Frutigen (www.tropenhaus-frutigen.ch) und in Wolhusen
(www.tropenhaus-wolhusen.ch) kann man ein exklusives Nachtessen für
Zwei buchen.
Fern halten sollte man sich in jedem Fall jedoch
von ordinär anmutenden Kneipen, die man oft schon an den
milchigen Glasfenstern erkennt und in denen es außer Bier
kaum andere Getränke zur Auswahl gibt. Erst recht sollte
man zwielichtige Etablissements mit einer roten Laterne über
der Eingangstür oder ähnlichen Kennzeichen meiden.
Vor allem in Fernost sind neuerdings Restaurants
populär, die sich mit Themen beschäftigen, die eigentlich
nicht in die Öffentlichkeit gehören, wie z.B. alles zum Thema
Toilette. In diesen Etablissements sitzen die Gäste nicht auf
Stühlen, sondern auf Kloschüsseln und auch das Essen sieht aus, als
hätte es den Magen-Darm-Trakt bereits durchlaufen. Von derartigen
geschmacklosen Entgleisungen sollte sich ein Mann von Welt ebenfalls
fern halten.
Noch ein Tipp für das sonntägliche Brunch: Warum
dazu nicht einmal ein Restaurant am nächsten Flughafen
besuchen? Der Blick auf das Rollfeld hat durchaus seinen Reiz und man
genießt eine ungezwungene Ruhe an einem Ort, wo jeder
sonst nur hektisch und möglichst schnell vorbeizieht.
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