Sonntag, 3. Dezember 2017

Gastronomie

Gemäß dem Grundsatz „Je unbekannter, de­sto exklusiver“ wählt der Mann von Welt seinen bevor­zug­ten Gastronomiebetrieb. Letzterer muss nicht un­be­dingt ein Stamm­­lokal sein. Wenn sich der Mann von Welt aber ent­­schließt re­gel­­mäßig in einem be­stimmten Lokal zu ver­­­keh­ren, dann soll­te er die­ses sorgfältig aus­­­wäh­len.
Für tags­über em­pfeh­len sich Cafés und Bi­stros mit einer kleinen, aber feinen Spei­se­kar­­te. Man er­kennt sie häufig daran, dass dort auch Zei­tun­gen für die Besucher aus­lie­gen. Wenn Sie mor­gens in einem Ca­fé früh­­stücken, können Sie überdies oft auch die Be­kannt­schaft al­lein­ste­hender Damen machen. Nach­mit­tags nehmen Sie im Café oder Bistro ihren Fünf-Uhr-Tee zu sich, sofern sie nicht zum Tanz­tee ins Kur­park­café gehen. Die Cock­­tail­stunde verbringen Sie dagegen lieber in der Bar des örtlichen Spiel­ca­si­nos oder eines re­­nom­mier­ten Ho­tels.
Für das abendliche Diner kom­men Re­stau­rants jegli­cher Ge­schmacks­­rich­tung mit ge­ho­benem Pub­li­kums­verkehr in Frage. Zwar sollte man der loka­len Küche den Vorzug ge­ben, aber auch ita­lie­nische oder asiatische Re­staurants haben be­kannt­lich ihre Reize. Es kommt aber letztendlich nicht da­rauf an in einem No­bel­re­stau­rant das teuerste Gericht zu bestellen, sondern ein gutes Re­staurant zu finden, dass möglichst kaum ei­ner kennt. Was zu­ge­ge­be­ner­maßen sehr schwie­rig ist, denn fehlende Be­kanntheit ist für den Be­trei­ber früher oder später der Ruin. Es gibt aber auch heute noch Fälle, wo ein renom­mier­ter Kü­chenchef aus dem stressi­gen Betrieb eines Szenelokals aus­steigt und sich irgendwo auf dem Lande einen un­schein­baren Gasthof sucht, wo er zwar weni­ger Zulauf hat, aber da­für ein we­ni­ger an­stren­gendes Dasein führt. In solchen Lokalen erhalten sie eine ex­­quisite Küche zu annehm­ba­ren Preisen und brauchen sich auch nicht mit Snobs und neureichem Pöbel herum­zu­schla­gen. Halten sie nach sol­chen Loka­len Ausschau!
Was die generelle Gastronomiementalität be­trifft, kann sich der Mann von Welt sehr gut an Spa­nien orien­tie­ren. Die meisten Spa­nier gehen bis zu fünfmal täglich in ihre „Bar“, aber sie bleiben nie lange. Mor­gens trinken sie dort einen Kaf­fee und essen ihr Früh­stücks­gebäck und mit­tags bestellen sie einen Toast oder ein an­de­res, klei­nes Gericht mit einem Glas Wein oder einem alkoholfreien Getränk. Nach­mit­tags gibt es wieder Kaffee und nach Fei­er­abend, bevor es zum Abend­essen nach Hause geht, nehmen sie in ihrem Stamm­­lo­kal ein Glas Wein mit den bekann­ten Tapas zu sich. Die generelle Ver­weil­dau­er pro Be­such liegt bei höch­­stens zwanzig Mi­nu­ten. Für die Spa­nier ist ihre „Bar“ ein fester Be­zugs­­punkt zwi­schen Zuhause und Ar­beits­stel­le, aber – an­ders als in deutschen Knei­­pen üblich­ – kon­sumieren die Spa­nier dort Al­ko­hol nur in geringen Mengen. Die ver­­gleichs­­wei­se kur­­zen Be­suche dienen viel­mehr dazu im hek­­tischen All­tag etwas Ruhe zu finden und ein paar ein­­fache Er­fri­schun­gen zu sich zu nehmen. Diese Art der Ga­stro­nomiekultur ist in Mit­tel­europa weit­ge­hend unbekannt und wird von Mittel­eu­ro­pä­ern häu­fig nicht ­ver­stan­den. Dem Mann von Welt kann sie je­doch als Vor­­bild dienen, auch wenn er na­tür­lich nicht fünfmal am Tag sein Stammbistro aufsuchen muss.
Etwas entfernt ähnliches wie in Spanien fin­det sich im deutschsprachigen Raum in den ländlichen Re­gio­nen der Schweiz. Dort gibt es neben Frühstück, Mit­tag- und Abendessen das sog. „Z’nüni“, ein zwei­tes Früh­stück et­wa gegen neun Uhr, wel­­­­­ches min­destens aus Kaffee und Gipfeli (Crois­sant) besteht (wenn sie in Appenzell sind, pro­­bieren sie die her­vor­ragenden Znü­ni-Würst­li), und das „Z’vieri“ eine kleine Zwi­­­­s­chen­­mahl­­zeit um sechzehn Uhr. Ein­ge­nom­­men werden beide in ein­fachen Landgast­­höfen. In den städ­­ti­schen Agglomerationen wurde diese Sitte mitt­lerweile leider durch den städtischen Le­bens­rhyth­mus verwässert und statt der Land­gast­höfe finden sich dort überall moderne Bistros und Cafés.
Wei­ter­hin bekannt sind die bayerische Brot­zeit, der traditionelle deutsche Nach­mit­tags­kaf­fee und der eng­li­sche Nachmittagstee, die sich je­doch im wesentlichen auf die Zeit zwi­schen 16 und 17 Uhr kon­zen­trie­ren und mit der spanischen Gastronomiekultur wenig ge­mein­sam haben. Des weiteren wird den Wie­nern nachgesagt, dass das Kaffeehaus ihr zwei­tes Zuhause wä­re, wo sie morgens früh­stücken und die Zei­­tung lesen und nach­mit­tags ihre Melange mit Schlag­oberst trinken. Leider hat sich die Wiener Kaffee­haus­kultur nördlich der Alpen nicht durchsetzen können.
Im übrigen bricht dem Manne von Welt - im Gegensatz zum Snob - kein Zacken aus der Krone, wenn er sich auch einmal an einem Imbissstand verpflegt. Ebenso sind einfache Land­gast­höfe durchaus akzep­ta­bel, wenn das Angebot stimmt.
Besuche in amerika­ni­schen Schnell­restau­rants sind ein zweischneidiges Schwert. Zum einen haftet dieser Form von System­ga­stro­no­mie immer noch ein zweifelhafter Ruf an, andererseits ergeben die offiziellen Lebens­mit­teltests immer wieder recht gute Ergeb­nis­se. Auch haben diese Lokale unbestreitbar ihre Vor­­teile: Die Speisekarte ist allgemein bekannt, Wartezeiten beim Bestellen sind recht kurz und man kann sich so lange im Lo­kal aufhalten, wie man möchte, ohne ständig von einem aufdringlichen Kellner be­lä­stigt zu werden. Für eine schnelle (Business-) Mahlzeit zwischendurch sind sie somit durch­­aus geeignet. Überdies bieten sie sau­be­­re Toiletten und oft WLAN-Hot­spots (teilw. gratis), gelegentlich sogar re­gio­na­le Zeitungen. Außer­halb von Innen­stadt­la­gen gibt es mei­stens auch Gratis-Park­plät­ze. Vor allem Star­­bucks und McDonalds mit seinem McCa­fé versuchen durch beque­me Sitz­mö­bel und einem Lounge-Ambiente Business-Kunden an­zuziehen.
Falls Sie jedoch das Besondere suchen: Es gibt fast überall in Europa außergewöhnliche Restaurants, die ihren Gästen ein ganz außergewöhnliches Ambiente bieten. Z.B., über den Dächern von Salzburg liegt Schloss Mönchstein in exponierter Lage. Direkt in der Turmspitze befindet sich das „Kleinste Restaurant der Welt“; genau der richtige Ort für ein luxuriöses 5-Gänge Dinner. Oder wie wäre es mit einem Candle Light Dinner im Wiener Riesenrad? Das Sauerländische Besucherbergwerk Ramsbeck bietet ein „Gru­ben-Light-Dinner“ 300 Meter unter Tage. Natürlich wird das Essen, u.a. Knochenschinken auf Sauer­kraut mit Kartoffeln, stilecht im Henkelmann serviert. Weltweit existieren nur vier Restaurants, die ihren Gästen einen Einblick in ein Meerwasseraquarium ermöglichen. Eines davon ist das La Mer in Neuwied (www.restaurant-lamer.de). Und in den Tropenhäusern in Frutigen (www.tropenhaus-frutigen.ch) und in Wolhusen (www.tropenhaus-wolhusen.ch) kann man ein exklusives Nachtessen für Zwei buchen.
Fern halten sollte man sich in jedem Fall je­doch von ordinär anmutenden Knei­pen, die man oft schon an den milchigen Glas­fenstern er­kennt und in denen es außer Bier kaum an­dere Getränke zur Auswahl gibt. Erst recht soll­te man zwielichtige Etablissements mit ei­ner roten Laterne über der Eingangstür oder ähn­li­chen Kennzeichen meiden.
Vor allem in Fernost sind neuerdings Restaurants populär, die sich mit Themen beschäftigen, die eigent­lich nicht in die Öffentlichkeit gehören, wie z.B. alles zum Thema Toilette. In diesen Etablisse­ments sitzen die Gäste nicht auf Stühlen, sondern auf Kloschüsseln und auch das Essen sieht aus, als hätte es den Magen-Darm-Trakt bereits durchlaufen. Von derartigen geschmacklosen Entgleisungen sollte sich ein Mann von Welt ebenfalls fern halten.
Noch ein Tipp für das sonntägliche Brunch: Warum dazu nicht einmal ein Restaurant am nächsten Flug­hafen besuchen? Der Blick auf das Rollfeld hat durchaus seinen Reiz und man genießt eine unge­zwun­gene Ruhe an einem Ort, wo jeder sonst nur hektisch und möglichst schnell vorbeizieht.

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