Sonntag, 3. Dezember 2017

Bücher lesen

Der Mann von Welt ist auch ein Bü­cher­freund. Das bedeutet zweierlei: Zum einen liest er gern, zum anderen besitzt oder sam­melt er antiquarische Bücher mit möglichst großem Seltenheitswert.
Das letztere ist relativ einfach zu be­werk­stel­li­gen. Suchen sie in einem guten Antiquariat oder im Internet vor allem nach Reise­li­te­ra­tur aus dem 19. Jahr­­hundert und schmücken sie damit ihr Bü­­cher­regal. Geeignet sind auch frühe Aus­ga­ben bekannter Werke der Welt­literatur und teilweise sogar natur­wis­sen­schaftliche Bü­cher.
Aber ein belesener Mensch zu werden ist nur dann leicht, wenn sie von Natur aus gerne le­sen. Heut­zu­ta­ge steht dem jedoch das Fern­se­hen im Weg. Der Zugang zum Wissen er­folgt aber gewöhnlich über das Lesen. Fern­se­hen kann kein Wissen vermitteln.
Kinder wachsen zu unserer Zeit mit dem Fernsehen auf. Sie sehen fern, bevor sie lesen lernen. Bewegte, tonunterlegte Bilder zeigen meistens mündliche Kommunikation in realen oder gestellten Situationen. Selbst Do­kumentarsendungen arbeiten heute mit ge­stellten Spielszenen. Gesten, Stimme und Körper­sprache des Mitteilenden ver­schmel­zen dabei mit der dramatischen Prä­sentation. Eine so vermittelte Nachricht ist jedoch so gut wie nicht referierbar.
Die Schrift vermittelt Wissen jedoch un­ab­hän­gig von einer konkreten Situation und er­mög­lich es einen Gedanken zu isolieren. Da­zu braucht sie die satzbauliche Struktur der Spra­che, eine logische Ordnung welche ei­nen Gedanken abbilden kann. Ein Beispiel: Wir sehen in einem Film wie ein Hund Fut­ter frisst. Um denselben Gedanken „Ein Hund frisst sein Futter“ mittels Schrift zei­gen zu können, brauchen wir einen Satz, der das Konzept eines futterfressenden Hundes dar­stellen kann. Um dieses Konzept auf einem Fernsehschirm oder einer Kino­lein­wand zu er­fassen, genügen Se­kun­den­bruch­tei­­le. Bei der Schrift aber müssen wir zu­nächst die Wort­fol­ge entschlüsseln, was et­was länger dauert und das Tempo aus der Dar­stellung heraus­nimmt. Ersichtlich wird das vor allem bei kom­plizierten und ver­schach­telten Sätzen mit Nebensätzen und Satz­einschüben. Bei­spiel: „Die Frau, die, wie allgemein bekannt ist, letztes Jahr im Lotto ge­wonnen und ihr gan­zes Geld beim Pfer­de­ren­nen verloren hat, schläft jetzt auf einer Parkbank.“ Die zwi­schen den Kom­ma­ta ste­henden Nebensätze dienen der Erläu­te­rung, aber der eigentliche Sinn des Satzes er­schließt sich erst mit dem letzten Abschnitt. Bis dahin muss man den Sinnbogen spannen können, um den Satz zu verstehen. Das funk­tio­niert ähnlich wie bei einem Witz, bei dem die Pointe ganz zum Schluss kommt.
Jemand der des Lesens ungeübt ist, wird Pro­ble­me haben diesen Sinnbogen zu spannen und vor allem so lange zu warten, bis sich mit dem letzten Wort des Satzes endlich die Ver­­ständnismöglichkeit eröffnet. Seit der Aus­­breitung des Fernsehens ist aber die Fä­hig­keit der Tempodrosselung, die für das Ver­­­ständnis geschriebener Texte notwendig ist, zurückgegangen. Das hat damit zu tun, dass das Fernsehen die Stimulation des Ge­hirns schneller bewerkstelligt als Text. Wer also viel fernsieht verliert die Fähigkeit zur Tem­podrosselung oder bildet diese gar nicht erst aus. Damit aber setzt ein Sinn­bil­dungs­pro­zess überhaupt nicht erst ein. Das erklärt, warum so viele Leute sich vom Fern­seh­pro­gramm ein­­fach nur berieseln lassen und sich Minuten spä­ter schon gar nicht mehr an das eben ge­se­hene erinnern.
Wer als Kind mit zuviel Fernsehen auf­ge­wach­sen ist, dem wird als Erwachsener das Lesen schwer fallen. Er wird Bücher als Pro­blem empfinden und Leute die gerne lesen miss­­trauisch betrachten. Wahr­schein­lich wird er ein schlechtes Gewissen haben, weil er so wenig liest und seine Abneigung gegen Bücher verstärken. Damit schließt er sich je­doch selbst z.B. von der Weiterbildung in sei­nem beruflichen Umfeld aus, denn auch dort nimmt die Fachliteratur einen großen Stel­lenwert ein. Oft haben solche Leute dann eine Abneigung gegen theorielastige Besser­wis­ser und schwören auf praktische Erfah­rung. Un­glück­licher­weise leidet unter dem Nicht­lesen auch die mündliche Aus­drucks­weise, sodass sie ihre praktische Erfahrung nicht kommunizieren können. Das führt un­wei­gerlich in das berufliche Abseits.
Wer seine Lesefähigkeiten trainieren will, der sollte mit dem beginnen, was er am Lieb­sten liest, selbst wenn es nur Liebesromane sind. Das stärkt das Leseverständnis und man kann sich dann auch an schwierigere The­men heranwagen.
Für den ungeübten Laien ist eine Bibliothek oder ein Buchladen mit tausenden von Bü­chern schlimmer als ein Dschungel. Ein­ge­schüch­tert schleicht er durch die Gänge und be­trachtet die Bände in ihren Regalen, wohl­wis­send dass er diese Menge an Infor­ma­tio­nen nicht zu verarbeiten mag. Allerdings ver­langt das auch niemand. Ein geübter Biblio­theks­besucher konzentriert sich auf das Buch welches er sucht und viel­leicht noch auf ein paar andere zum selben The­ma. Die übrigen Bücher be­ach­tet er gar nicht. Deshalb sollte man beim Be­treten einer Bibliothek oder eines Buch­la­dens mög­lichst genau wissen, was man sucht. Dann kann man den größten Teil der Bücher von vornherein ignorieren. Außer­dem erweckt es den Eindruck ein ziel­stre­biger und routinierte Be­sucher zu sein. An­son­sten kann man im­mer noch das Bi­blio­theks­personal oder die Ver­käuferin fragen: „Haben Sie etwas über kel­tische Grab­bei­ga­ben des West­hall­statt­krei­ses?“ So neu­tra­li­siert man aufdringliche Buchverkäuferinnen. Oft reicht es jedoch auch zu sagen: „Darf ich mich ein wenig um­se­hen?“ Wenn sie sich den­noch genötigt füh­len ein Buch zu kaufen, dann fragen sie nach weiteren Büchern des Autors, dessen Werk sie jetzt gerade lesen.
Hat man ein passendes Buch gefunden, liest man zunächst den Klappentext und das In­halts­­verzeichnis, sofern vorhanden. So er­fährt man, um was für ein Buchgenre es sich handelt, z.B. Krimi, Liebesroman, Sachbuch etc. und ob es ein anspruchsvolles oder eher triviales Werk ist. Wenn auf dem Schutz­um­schlag ein Bild des Autor ab­ge­bil­det ist, schau­en sie sich dieses ruhig an: Gute Schrift­steller sind meistens von un­schein­ba­rem Äußeren. Bei wissenschaftlichen Wer­ken liest man das Inhaltsverzeichnis und schaut dann in die Bibliographie. Um den Wert letzterer einschätzen zu können muss man jedoch die wich­tig­sten Werke eines Fachgebietes grob kennen. An Fußnoten im Text kann man manchmal sehen, ob der Au­tor sich an wichtige Streitfragen heranwagt oder ob er sich um Kleinigkeiten streitet. Im letzteren Fall kann es sein, dass er zu den wich­tigen Themen nicht viel zu sagen hat. Es ist ein uralter Trick, dass man auf einen Ne­ben­kriegsschauplatz ausweicht, wenn man auf dem Hauptschauplatz keine Erfolge ver­bu­chen kann, der auch gerne in der Politik angewandt wird.
Wenn sie schon beim kurzen Durchblättern das Gefühl haben, dass ein Buch un­ver­ständ­­lich ist, dass wählen sie ein anderes Buch zum selben Thema. Manche Bücher wer­­den eigentlich nicht zu Lesen verfasst, son­­dern als Prüfungsarbeiten. Sie richten sich folg­lich auch nicht an Leser im eigent­li­chen Sin­ne. Diesen Buchtyp findet man mei­stens nur in Bibliotheken. Anfänger soll­ten zu einem leicht ver­ständlichen Ein­füh­rungs­werk grei­fen, eventuell zu einem aktuellen Lehr­buch­klas­siker. Diese decken in der Re­gel auch die früheren Klassiker mit ab. Von einem sol­chen Grundlagenwerk ausgehend, ar­beitet man sich dann tiefer in die Materie ein. Mei­stens finden sie in den Grundlagenwerken ge­nügend Hinweise auf weiterführende Lite­ra­tur, oft sogar eine Empfehlungsliste. An­son­sten suchen sie nach den Werken der Au­to­ren, die im Grundlagenwerk genannt wer­den.
Oft können sie in der Buchhandlung im glei­chen Regal auch andere interessante Bü­cher zu ihrem Thema finden. In Bibliotheken klappt das nicht immer, weil Neuzugänge je nach Ordnungssystem eine laufende Num­mer erhalten und einfach nur hintereinander ins Regal gestellt werden, ohne Rücksicht auf das Thema eines Buches. Wenn sie dort nach einem Buch suchen, müssen sie das im elek­tronischen Katalog tun.

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