Der Mann von Welt ist auch ein Bücherfreund.
Das bedeutet zweierlei: Zum einen liest er gern, zum anderen besitzt
oder sammelt er antiquarische Bücher mit möglichst großem
Seltenheitswert.
Das letztere ist relativ einfach zu
bewerkstelligen. Suchen sie in einem guten
Antiquariat oder im Internet vor allem nach Reiseliteratur
aus dem 19. Jahrhundert und schmücken sie damit ihr
Bücherregal. Geeignet sind auch frühe Ausgaben
bekannter Werke der Weltliteratur und teilweise sogar
naturwissenschaftliche Bücher.
Aber ein belesener Mensch zu werden ist nur dann
leicht, wenn sie von Natur aus gerne lesen. Heutzutage
steht dem jedoch das Fernsehen im Weg. Der Zugang zum
Wissen erfolgt aber gewöhnlich über das Lesen. Fernsehen
kann kein Wissen vermitteln.
Kinder wachsen zu unserer Zeit mit dem Fernsehen
auf. Sie sehen fern, bevor sie lesen lernen. Bewegte, tonunterlegte
Bilder zeigen meistens mündliche Kommunikation in realen oder
gestellten Situationen. Selbst Dokumentarsendungen arbeiten
heute mit gestellten Spielszenen. Gesten, Stimme und
Körpersprache des Mitteilenden verschmelzen dabei mit
der dramatischen Präsentation. Eine so vermittelte Nachricht
ist jedoch so gut wie nicht referierbar.
Die Schrift vermittelt Wissen jedoch unabhängig
von einer konkreten Situation und ermöglich es einen
Gedanken zu isolieren. Dazu braucht sie die satzbauliche
Struktur der Sprache, eine logische Ordnung welche einen
Gedanken abbilden kann. Ein Beispiel: Wir sehen in einem Film wie ein
Hund Futter frisst. Um denselben Gedanken „Ein Hund frisst
sein Futter“ mittels Schrift zeigen zu können, brauchen
wir einen Satz, der das Konzept eines futterfressenden Hundes
darstellen kann. Um dieses Konzept auf einem Fernsehschirm oder
einer Kinoleinwand zu erfassen, genügen
Sekundenbruchteile. Bei der Schrift
aber müssen wir zunächst die Wortfolge
entschlüsseln, was etwas länger dauert und das Tempo aus der
Darstellung herausnimmt. Ersichtlich wird das vor allem bei
komplizierten und verschachtelten Sätzen mit
Nebensätzen und Satzeinschüben. Beispiel: „Die Frau,
die, wie allgemein bekannt ist, letztes Jahr im Lotto gewonnen
und ihr ganzes Geld beim Pferderennen verloren
hat, schläft jetzt auf einer Parkbank.“ Die zwischen den
Kommata stehenden Nebensätze dienen der
Erläuterung, aber der eigentliche Sinn des Satzes
erschließt sich erst mit dem letzten Abschnitt. Bis dahin muss
man den Sinnbogen spannen können, um den Satz zu verstehen. Das
funktioniert ähnlich wie bei einem Witz, bei dem die
Pointe ganz zum Schluss kommt.
Jemand der des Lesens ungeübt ist, wird
Probleme haben diesen Sinnbogen zu spannen und vor allem so
lange zu warten, bis sich mit dem letzten Wort des Satzes endlich die
Verständnismöglichkeit eröffnet. Seit der Ausbreitung
des Fernsehens ist aber die Fähigkeit der Tempodrosselung,
die für das Verständnis geschriebener Texte
notwendig ist, zurückgegangen. Das hat damit zu tun, dass das
Fernsehen die Stimulation des Gehirns schneller bewerkstelligt
als Text. Wer also viel fernsieht verliert die Fähigkeit zur
Tempodrosselung oder bildet diese gar nicht erst aus. Damit aber
setzt ein Sinnbildungsprozess überhaupt nicht
erst ein. Das erklärt, warum so viele Leute sich vom
Fernsehprogramm einfach nur berieseln lassen
und sich Minuten später schon gar nicht mehr an das eben
gesehene erinnern.
Wer als Kind mit zuviel Fernsehen aufgewachsen
ist, dem wird als Erwachsener das Lesen schwer fallen. Er wird Bücher
als Problem empfinden und Leute die gerne lesen misstrauisch
betrachten. Wahrscheinlich wird er ein schlechtes Gewissen
haben, weil er so wenig liest und seine Abneigung gegen Bücher
verstärken. Damit schließt er sich jedoch selbst z.B. von der
Weiterbildung in seinem beruflichen Umfeld aus, denn auch dort
nimmt die Fachliteratur einen großen Stellenwert ein. Oft haben
solche Leute dann eine Abneigung gegen theorielastige Besserwisser
und schwören auf praktische Erfahrung. Unglücklicherweise
leidet unter dem Nichtlesen auch die mündliche
Ausdrucksweise, sodass sie ihre praktische Erfahrung nicht
kommunizieren können. Das führt unweigerlich in das
berufliche Abseits.
Wer seine Lesefähigkeiten trainieren will, der
sollte mit dem beginnen, was er am Liebsten liest, selbst wenn
es nur Liebesromane sind. Das stärkt das Leseverständnis und man
kann sich dann auch an schwierigere Themen heranwagen.
Für den ungeübten Laien ist eine Bibliothek oder
ein Buchladen mit tausenden von Büchern schlimmer als ein
Dschungel. Eingeschüchtert schleicht er durch die
Gänge und betrachtet die Bände in ihren Regalen, wohlwissend
dass er diese Menge an Informationen nicht zu
verarbeiten mag. Allerdings verlangt das auch niemand. Ein
geübter Bibliotheksbesucher konzentriert sich auf das Buch
welches er sucht und vielleicht noch auf ein paar andere zum
selben Thema. Die übrigen Bücher beachtet er gar
nicht. Deshalb sollte man beim Betreten einer Bibliothek oder
eines Buchladens möglichst genau wissen, was man
sucht. Dann kann man den größten Teil der Bücher von vornherein
ignorieren. Außerdem erweckt es den Eindruck ein
zielstrebiger und routinierte Besucher zu sein.
Ansonsten kann man immer noch das
Bibliothekspersonal oder die Verkäuferin fragen:
„Haben Sie etwas über keltische Grabbeigaben
des Westhallstattkreises?“ So
neutralisiert man aufdringliche Buchverkäuferinnen.
Oft reicht es jedoch auch zu sagen: „Darf ich mich ein wenig
umsehen?“ Wenn sie sich dennoch genötigt
fühlen ein Buch zu kaufen, dann fragen sie nach weiteren
Büchern des Autors, dessen Werk sie jetzt gerade lesen.
Hat man ein passendes Buch gefunden, liest man
zunächst den Klappentext und das Inhaltsverzeichnis,
sofern vorhanden. So erfährt man, um was für ein Buchgenre es
sich handelt, z.B. Krimi, Liebesroman, Sachbuch etc. und ob es ein
anspruchsvolles oder eher triviales Werk ist. Wenn auf dem
Schutzumschlag ein Bild des Autor abgebildet
ist, schauen sie sich dieses ruhig an: Gute Schriftsteller
sind meistens von unscheinbarem Äußeren. Bei
wissenschaftlichen Werken liest man das Inhaltsverzeichnis und
schaut dann in die Bibliographie. Um den Wert letzterer einschätzen
zu können muss man jedoch die wichtigsten Werke eines
Fachgebietes grob kennen. An Fußnoten im Text kann man manchmal
sehen, ob der Autor sich an wichtige Streitfragen heranwagt oder
ob er sich um Kleinigkeiten streitet. Im letzteren Fall kann es sein,
dass er zu den wichtigen Themen nicht viel zu sagen hat. Es ist
ein uralter Trick, dass man auf einen Nebenkriegsschauplatz
ausweicht, wenn man auf dem Hauptschauplatz keine Erfolge verbuchen
kann, der auch gerne in der Politik angewandt wird.
Wenn sie schon beim kurzen Durchblättern das
Gefühl haben, dass ein Buch unverständlich ist,
dass wählen sie ein anderes Buch zum selben Thema. Manche Bücher
werden eigentlich nicht zu Lesen verfasst, sondern
als Prüfungsarbeiten. Sie richten sich folglich auch nicht an
Leser im eigentlichen Sinne. Diesen Buchtyp findet man
meistens nur in Bibliotheken. Anfänger sollten zu einem
leicht verständlichen Einführungswerk greifen,
eventuell zu einem aktuellen Lehrbuchklassiker. Diese
decken in der Regel auch die früheren Klassiker mit ab. Von
einem solchen Grundlagenwerk ausgehend, arbeitet man sich
dann tiefer in die Materie ein. Meistens finden sie in den
Grundlagenwerken genügend Hinweise auf weiterführende
Literatur, oft sogar eine Empfehlungsliste. Ansonsten
suchen sie nach den Werken der Autoren, die im
Grundlagenwerk genannt werden.
Oft können sie in der Buchhandlung im gleichen
Regal auch andere interessante Bücher zu ihrem Thema finden. In
Bibliotheken klappt das nicht immer, weil Neuzugänge je nach
Ordnungssystem eine laufende Nummer erhalten und einfach nur
hintereinander ins Regal gestellt werden, ohne Rücksicht auf das
Thema eines Buches. Wenn sie dort nach einem Buch suchen, müssen sie
das im elektronischen Katalog tun.
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