Früher oder später wird es passieren, dass ein
Mann von Welt in eine Situation gerät, in der er wirklich und
wahrhaftig über ein Mindestmaß an humanistischem
Bildungswissen verfügen muss. Für den Begriff Bildung
gibt es eine ganze Reihe von Definitionen. Eine davon besagt, dass
Bildung all das Wissen ist, was man schon wieder vergessen
hat. Am Praktischsten dürfte Bildung wohl als eine
Art Wissenskanon aufgefasst werden, den man
beherrschen muss, wenn man von seiner Umgebung
als gebildet angesehen werden will. Natürlich ist dieser Kanon
abhängig von der zeitlichen Epoche oder der sozialen Gruppe, in der
man sich bewegt.
Bildung wird meistens auf Partys, Empfängen
oder ähnlichen Veranstaltungen mehr oder weniger zur Schau gestellt.
Für das Spiel gibt es natürlich gewisse Regeln, die man unbedingt
kennen sollte.
Zunächst einmal wird jedem der Anwesenden
unterstellt, dass er oder sie gebildet ist und jeder der Anwesenden
kann annehmen, dass die übrigen Teilnehmer das auch von ihm denken.
Es kommt also im Wesentlichen darauf an, den Schein zu wahren. Daher
wird Wissen auch nicht abgefragt wie in der Schule oder im
Fernsehquiz. Als Folge kann niemand genau sagen, ob und wie viel
der andere wirklich weiß. Man könnte also auch sagen,
dass Bildung Wissen ist, nach dem man nicht fragen darf.
Wenn zum Beispiel jemand in einer
gesellschaftlichen Runde bemerkt, dass Mozart doch der
Erfinder dieser leckeren Schokoladenkugeln ist, dann
sollte er dabei ein schelmisches Gesicht machen.
Andernfalls würde er nur betretenes Schweigen ernten oder eine der
folgenden Antworten:
- Aber nein, das war doch ein Komponist.
- Ich glaube nicht, aber ich kenne mich mit Schokolade nicht so gut aus, wie sie.
- Im Prinzip ja, er hat dazu seine Zauberflöte benutzt.
Die erste Antwort dürfte zu noch betretenerem
Schweigen der Runde führen, die zweite zu einer süffisanten
Betrachtung ihrer Figur und die dritte wird vermutlich albernes
Gekicher erzeugen. In allen drei Fällen steht der Sprecher
jedoch als ungebildet da. Deshalb werden die Anwesenden es
vermutlich vermeiden überhaupt auf diese Frage zu
reagieren. Der Sprecher hat gegen die Regel verstoßen,
die besagt, dass jeder Partygast den Schein eines gebildeten Menschen
zu wahren hat. Es gilt also der Merksatz der alten Römer: „Wenn
Du geschwiegen hättest, wärest Du ein weiser Mann geblieben.“
Wichtig ist außerdem, dass jeder diese
ungeschriebene Regel beherrscht, auch wenn keiner
erklären kann, warum das so ist. Wie bei den meisten sozialen
Konventionen weiß niemand genau, warum es gerade so
sein muss und nicht anders. Das gilt analog für den Inhalt des
Bildungskanons. Jemand, der Mozart nicht kennt, gilt als
ungebildet. Wer aber noch nie von der Omega-Punkt-Theorie gehört
hat, nicht. Eine logische Erklärung gibt es dafür nicht. Allerdings
ist der Bildungskanon gewissen Veränderungen
unterworfen. Galt noch vor wenigen Jahrzehnten
Hans Carossa als moderner zeitgenössischer
Autor, werden heutzutage vornehmlich zweitklassige Werke
wie „Die Blechtrommel“ von Günther Grass
favorisiert. Aber über Geschmack lässt es sich bekanntlich
streiten. Der Bildungskanon ist das Ergebnis andauernder
Evolution, die man zwar beeinflussen, aber nicht
direkt steuern kann. Der gegenwärtige Bildungskanon unterliegt also
der latenten Gefahr durch einen zukünftigen abgelöst zu
werden, oder anders ausgedrückt: Das Bildungswissen ändert
sich im Laufe der Zeit.
Wie aber begegnet der Mann von Welt auf einer
Cocktailparty einem Gesprächspartner, der ihn mit Phrasen eindeckt
wie „Ist die Kulturgeschichte während der
industriellen Revolution nicht notwendigerweise eine
Reaktion auf Kants kategorischen Imperativ?“ Die
meisten Zuhörer werden bedeutungsvoll nicken oder irgendein kehliges
Geräusch verursachen („Hm, hm“) und damit zu verstehen
geben, dass sie sich die Sache durch den Kopf gehen lassen, ohne auch
nur ein Wort verstanden zu haben, aber man lässt sich halt nichts
anmerken. Der Mann von Welt entgegnet nun: „Zwischen
der industriellen Revolution und Kant liegen
aber Welten“ oder „Die industrielle Revolution hat die
Kulturgeschichte grundlegend verändert. Das
Ergebnis ist die Postmoderne, zu der wir uns auch zählen
können.“ Möglich wäre auch: „Damit wäre Kant
gewissermaßen ein Vorläufer der industriellen
Revolution. Das ist eine sehr gewagte These!“ Optimal
ist es, mit einer Gegenfrage zu antworten, weil man damit
vermeidet selbst eine Antwort geben zu müssen: „Liegen zwischen
der industriellen Revolution und Kant nicht
Welten?“ oder „Meinen sie, dass Kant eine Art Vorläufer
der industriellen Revolution sei?“ Mit einer solchen Reaktion
ist ihnen die Verzückung ihres Gesprächspartners sicher. Jedoch
empfiehlt es sich nun, sich unter irgendeinem Vorwand
aus der Runde zu verabschieden („Oh, ich sehe dort gerade
jemanden, den ich unbedingt begrüßen muss. Wenn sie mich
bitte entschuldigen würden...“), denn sonst werden sie
für den Rest des Abends mit solchen sinnleeren Phrasen
überhäuft.
Betrachten sie also „Bildungsgespräche“
auf Partys etc. wie ein Fußballspiel: Jemand spielt ihnen den Ball
zu, sie geben den Ball zurück oder weiter und machen sich
keine Gedanken darüber, ob der Ball nun aus Leder oder
Kunststoff ist. In Notfällen reicht es, wenn sie nur ein Adjektiv
des Redners aufgreifen und mit einem Fragezeichen versehen:
„Notwendigerweise? Meinen sie das wirklich?“
Wenn ihnen gar nichts mehr einfällt, dann wiederholen sie Teile
der Aussage des Sprechers und fügen ein „mehr als“
hinzu: „Es ist mehr als eine Reaktion, es ist ein ganz neuer
Weg.“
Beliebt ist auch das Einflechten von Zitaten.
Niemand wird sofort überprüfen, ob der zitierte Autor
dies auch wirklich so gesagt hat, außer es handelt sich um allgemein
bekannte Zitate. Wenn sie nicht sicher sind, zitieren sie daher
entweder einen unbekannten Autor oder wählen sie ein unbekanntes
Zitat eine bekannten Autors. Das funktioniert übrigens auch mit
alten chinesischen Sprichwörtern. Sie dürfen dabei ruhig etwas
kryptisch und geheimnisvoll daherreden. Je weniger die
Anwesenden verstehen, was sie meinen, desto
intelligenter werden sie eingestuft. Auf die Spitze getrieben hat
dies der ehemalige Chef der amerikanischen Notenbank Alan
Greenspan. Wann immer er nicht recht wusste, was er
einem Reporter sagen wollte oder konnte, wählte er solch
kryptisch-sinnlose Worte, dass alle glaubten, er hätte
gerade etwas unglaublich intelligentes gesagt, was nur
niemand von ihnen verstanden hätte. So wurde Greenspan zu
einer Art modernem Orakel des Weltwährungssystems und niemand
hätte es gewagt ihm den Status eines „Mannes von
Welt“ abzusprechen.
Für den Fall, das sie gerade auf der anderen
Seite stehen, also bei den Zuhörern eines geistreichen
Plauderers und Zitierers und keinen Schimmer haben wovon er
oder sie redet, dann denken sie an die alten Römer und lächeln
einfach nur huldvoll mit einem leichten Kopfnicken. Meistens klärt
sich die Sache im weiteren Gesprächsverlauf auf oder das Thema wird
gewechselt. In der Sozialwissenschaft wird dies als
das Etcetera-Prinzip bezeichnet. Gemeint ist damit die
Fähigkeit ein gewisses Maß an Unverständlichkeit
erst einmal auszuhalten in der Erwartung, dass sich gleich
alles klärt. Denken sie an ihre Schulzeit: Wie oft wussten sie
überhaupt nicht wovon der Lehrer spricht und haben es erst viel
später verstanden. Zugegebenermaßen manchmal
auch erst Jahre später. Aber im Extremfall können sie mit
einem Zitat antworten oder das Thema wechseln.
Die wichtigsten Autoren der abendländischen
Literatur sollten einem Mann von Welt geläufig sein, u.a.
Goethe, Schiller, Shakespeare, Molière,
Cervantes, Henrik Ibsen oder G.B. Shaw. Es schadet
natürlich nichts, wenn sie deren Werke wirklich gelesen
haben. Falls ihnen das zu mühsam ist, recherchieren
sie entweder im Internet, vor allem bei
Wikipedia, nach einer Zusammenfassung oder suchen
sie in einer Bibliothek nach Kindlers
Literaturlexikon. Darin finden sie
Zusammenfassungen aller wichtigen
Werke der Weltliteratur. Bei Theaterstücken
gibt es außerdem die Möglichkeit sich das Stück auf
DVD anzusehen, aber achten sie darauf, dass sich die Filmautoren
auch an die Vorlage halten. Natürlich können sie
auch eine Romanverfilmung auf DVD ansehen, aber
bedenken sie, dass nur der Roman eine Innenansicht
der Charaktere ermöglicht. Daher weichen Drehbücher
so oft von Romanvorlagen ab. Wenn sie sich im Gespräch
nun auf Dinge beziehen, die in der Buchvorlage gar nicht
vorkommen, weil sie nur den Film kennen, kann das ihr
Image ernsthaft gefährden, außer ihr Gegenüber hat auch
nur den Film gesehen. Aber dieses Risiko sollten sie besser
nicht eingehen.
Wenn sie in ihrem Leben wenigstens einen oder zwei
Romane eines oder mehrerer Autoren gelesen haben,
möglichst von wenig bekannten Autoren, dann können
sie bei Gesprächsrunden über andere Autoren zumindest
Vergleiche ziehen. Ein Gesprächsbeitrag könnte dann ungefähr
folgendermaßen aussehen:
„Kafka ist ja ganz schön, aber eine Martha
Albrand ist er nicht.“
Jetzt hakt jemand nach: „Wie meinen sie das?“
„Nun ja, sie überzeugt durch die Schwere
ihrer Darstellung. Kafka ist zwar effektiv, aber sind das nicht
nur Effekte?“
Beachten sie die rhetorische Frage am Ende ihrer
Aussage. Damit spielen sie den Ball zunächst an den Fragenden
zurück. Jede weitere Nachfrage beantworten sie nun mit
Bezugnahme auf Albrands Roman „Code Zürich
AZ900“, den sie gelesen haben. Wenn sie mehrere Bücher
verschiedener Autoren gelesen haben, können sie das Spiel
natürlich auch mit mehreren Autoren betreiben.
Etwas einfacher gestaltet sich der Umgang mit der
darstellenden Kunst: Man geht in ein Museum, betrachtet die Werke und
schweigt. Der Mann von Welt steht folglich in Andacht versunken
vor einem Bild oder einer Skulptur, betrachtet dieses eingehend
– bei Skulpturen von allen Seiten – und schweigt.
Ähnlich wie in Kirchen und antiken Tempeln mögen auch die
Götter der Kunst keinen lauten Diskurs. Als Ausnahme, die aber
unbedingt beachtet werden muss, gelten nur Kunstwerke
der sog. modernen Kunst, bei denen man tunlichst nicht in Andacht
verharrt, sondern sie nach kurzer Betrachtung abhakt.
Jemand, der in einer modernen Kunstgalerie vor einem
gerahmten Schrotthaufen andächtig verweilt, zeigt, dass er
kein Kunstverständnis besitzt.
Der Grund für diesen Unterschied in der
Behandlung von antiker und moderner Kunst liegt in der
Betrachtungsweise. Jeder Museumsbesucher weiß, wie
anstrengend das Betrachten von Bildern sein kann. Das kommt
daher, dass der Betrachter seinen alltäglichen Blick
aufgibt und eine Art „Feiertagsblick“
annimmt. Im Alltag unterscheiden wir zwischen relevantem
und irrelevantem. Beim Einkaufen im Supermarkt, zum Beispiel,
betrachten wir nicht das gesamte Warenangebot,
sondern suchen aus dem vor uns stehenden Regal das heraus,
was wir gerade brauchen. Der Rest bleibt unbeachtet im
Hintergrund. Anders in der Kunst. Auf einem Bild ist jedes
Detail wichtig, in der Kunst gibt es nichts irrelevantes. Nichts
bleibt im Hintergrund verborgen. Der Betrachter
wird also gezwungen alles auf einmal zu sehen und
überfordert damit zwangsläufig sein
Wahrnehmungsvermögen. Die Folge ist, dass er recht
schnell ermüdet und schon bald die museumseigene Cafeteria
aufsucht, obwohl er erst seit fünf Minuten im Museum weilt.
Man kann diesen Effekt vermeiden, indem man auch
im Museum seinen Alltagsblick beibehält und ein Bild gedanklich in
seine Bestandteile zerlegt. Dazu sollte man die wichtigste
Symbolik der Bildersprache kennen, die vor allem von älteren
Malern verwendet wird. Darin bedeutet zum Beispiel eine
Eule Weisheit, ein Hund Melancholie und ein neptunischer
Dreizack in der Hand eines Herrschers, dass er die Meere beherrscht
und z.B. eine Seeschlacht gewonnen hat. Viele Symbole dieser
Ikonographie entstammen der antiken Mythologie, der
Philosophie oder der Bibel und werden gelegentlich
in abgewandelter Form genutzt. Durch das gedankliche Zerlegen
eines Bildes erspart man sich den überwältigenden
und ermüdenden Totaleindruck.
Außerhalb des Museums reicht es aus die
wichtigsten Bilder der bedeutensten Maler zu erkennen. Dazu
besorge man sich im Buchhandel einen guten Kunstführer.
Die Philosophie hat im üblichen Diskurs der
Stehpartys und Sektempfänge nur wenig Bedeutung. Das liegt zum
Teil auch daran, dass kaum jemand die Gedanken eines Hegel oder Kant
wirklich versteht. Außerdem würde sich niemand getrauen solch
renommierten Persönlichkeiten zu widersprechen.
Lediglich Nietzsche macht eine Ausnahme, da dessen bekannte
Zitate (z.B. „Wenn Du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche
nicht.“), an den richtigen Stellen des Partydiskurses
angebracht, für Heiterkeit sorgen. Ansonsten dominieren
die Theorien unzähliger sog. Denkerschulen, die ihre
Bedeutung vor allem aus der Definition von Begriffen,
Normen und Fragestellungen beziehen. Ein paar bekannte
Schulen sind die der Strukturalisten, der Neomarxisten, der
Feministinnen oder die unsägliche Frankfurter Schule,
denen wir die 68er Revolte verdanken.
Ein einfacher Weg als gebildet zu gelten ist, sich
einer Denkerschule anzuschließen. Dazu schaue man sich
zunächst um, welche einem am sympathischsten erscheint und
eigne sich dann deren Begrifflichkeit gründlichst
an. Und je mehr die neue Theorie von den alten abweicht, desto
besser, weil man dann nicht die traditionellen Theorien
kennen muss und praktisch ohne Vorkenntnisse auskommt. Merke:
Eine richtig gute Theorie erschafft die Welt neu! Außerdem
sollte es sich um eine junge Theorie handeln, die noch wenig
Ballast mit sich trägt. Mit ihr kann man wunderbar mitwachsen
und gilt dann auch als ein Verfechter der ersten Stunde.
Im übrigen gibt es auch Dinge, über die sie
besser nicht Bescheid wissen sollten, zumindest nicht
offiziell. Dazu sind zu zählen: Kenntnisse im Rotlichtmilieu
(außer sie sind Sherlock Holmes), Groschenromane,
Frauenzeitschriften, Klatschgeschichten
aus der Regenbogenpresse (insbesondere
die Königs- und Fürstenhäuser betreffend), diverse
Fernsehprogramme (der Komiker Harald Schmidt
nannte sie „Unterschichtenfernsehen“,
d.h. Talkshows, Seifenopern, Spielshows, Reality-TV,
Hochzeits- oder Versöhnungsshows,
Blödelprogramme etc.), Fußball, Boxen, Wrestling
und andere gewalttätige Sportarten.
Hüten sie sich außerdem davor detaillierte
Vorträge über technische Themen und Apparaturen zu
halten, auch wenn sie ganz genau wissen, wie eine Kläranlage
funktioniert. Sie gelten auch nicht als gebildet,
wenn sie genau erklären können, warum ein Zwölf-Zylinder-Motor
einen Acht-Zylinder-Antrieb überlegen ist.
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