Sonntag, 3. Dezember 2017

Bildung

Früher oder später wird es passieren, dass ein Mann von Welt in eine Situation gerät, in der er wirklich und wahrhaftig über ein Min­dest­maß an humanistischem Bildungswissen ver­fü­gen muss. Für den Begriff Bildung gibt es eine ganze Reihe von Definitionen. Eine davon besagt, dass Bil­dung all das Wissen ist, was man schon wie­der vergessen hat. Am Prak­tisch­sten dürf­te Bildung wohl als eine Art Wis­sens­ka­non aufgefasst werden, den man be­herr­schen muss, wenn man von seiner Um­ge­bung als gebildet angesehen werden will. Natürlich ist dieser Kanon abhängig von der zeitlichen Epoche oder der sozialen Gruppe, in der man sich bewegt.
Bildung wird meistens auf Partys, Em­pfän­gen oder ähnlichen Veranstaltungen mehr oder weniger zur Schau gestellt. Für das Spiel gibt es natürlich gewisse Regeln, die man unbedingt kennen sollte.
Zunächst einmal wird jedem der An­we­sen­den unterstellt, dass er oder sie gebildet ist und jeder der Anwesenden kann annehmen, dass die übrigen Teilnehmer das auch von ihm denken. Es kommt also im Wesentlichen darauf an, den Schein zu wahren. Daher wird Wissen auch nicht abgefragt wie in der Schu­le oder im Fernsehquiz. Als Folge kann nie­mand genau sagen, ob und wie viel der an­de­re wirklich weiß. Man könnte also auch sa­gen, dass Bildung Wissen ist, nach dem man nicht fragen darf.
Wenn zum Beispiel jemand in einer ge­sell­schaft­lichen Runde bemerkt, dass Mozart doch der Erfinder dieser leckeren Schoko­la­den­kugeln ist, dann sollte er dabei ein schel­mi­sches Gesicht machen. Andernfalls würde er nur betretenes Schweigen ernten oder eine der folgenden Antworten:
  • Aber nein, das war doch ein Kom­po­nist.
  • Ich glaube nicht, aber ich kenne mich mit Schokolade nicht so gut aus, wie sie.
  • Im Prinzip ja, er hat dazu seine Zauber­flö­te benutzt.
Die erste Antwort dürfte zu noch be­tre­te­ne­rem Schweigen der Runde führen, die zweite zu einer süffisanten Betrachtung ihrer Figur und die dritte wird vermutlich albernes Ge­ki­cher erzeugen. In allen drei Fällen steht der Sprecher jedoch als ungebildet da. Deshalb wer­den die Anwesenden es vermutlich ver­mei­den überhaupt auf diese Frage zu rea­gie­ren. Der Sprecher hat gegen die Regel ver­stoßen, die besagt, dass jeder Partygast den Schein eines gebildeten Menschen zu wahren hat. Es gilt also der Merksatz der alten Rö­mer: „Wenn Du geschwiegen hättest, wärest Du ein weiser Mann geblieben.“
Wichtig ist außerdem, dass jeder diese un­ge­schrie­bene Regel beherrscht, auch wenn kei­ner erklären kann, warum das so ist. Wie bei den meisten sozialen Konventionen weiß nie­­­mand genau, warum es gerade so sein muss und nicht anders. Das gilt analog für den Inhalt des Bildungskanons. Jemand, der Mo­zart nicht kennt, gilt als ungebildet. Wer aber noch nie von der Omega-Punkt-Theorie gehört hat, nicht. Eine logische Erklärung gibt es dafür nicht. Allerdings ist der Bil­dungs­kanon gewissen Veränderungen un­ter­­worfen. Galt noch vor wenigen Jahr­zehn­ten Hans Carossa als moderner zeit­ge­nös­si­scher Autor, werden heutzutage vornehmlich zweit­­klassige Werke wie „Die Blech­trom­mel“ von Günther Grass favorisiert. Aber über Geschmack lässt es sich bekanntlich strei­ten. Der Bildungskanon ist das Ergebnis andauernder Evolution, die man zwar be­ein­flus­sen, aber nicht direkt steuern kann. Der gegenwärtige Bildungskanon unterliegt also der latenten Gefahr durch einen zukünftigen ab­gelöst zu werden, oder anders aus­ge­drückt: Das Bildungswissen ändert sich im Laufe der Zeit.
Wie aber begegnet der Mann von Welt auf einer Cocktailparty einem Gesprächspartner, der ihn mit Phrasen eindeckt wie „Ist die Kul­­tur­ge­schichte während der industriellen Revo­lu­tion nicht notwendiger­weise eine Re­ak­tion auf Kants kategorischen Imperativ?“ Die meisten Zuhörer werden bedeutungsvoll nicken oder irgendein kehliges Geräusch verursachen („Hm, hm“) und damit zu ver­ste­­hen geben, dass sie sich die Sache durch den Kopf gehen lassen, ohne auch nur ein Wort verstanden zu haben, aber man lässt sich halt nichts anmerken. Der Mann von Welt ent­geg­net nun: „Zwischen der indu­stri­el­len Re­vo­lution und Kant liegen aber Welten“ oder „Die industrielle Revolution hat die Kultur­ge­schichte grundlegend ver­än­dert. Das Er­geb­nis ist die Postmoderne, zu der wir uns auch zählen können.“ Möglich wä­re auch: „Damit wäre Kant gewisser­maßen ein Vor­läu­fer der industriellen Revo­lu­tion. Das ist eine sehr gewagte These!“ Optimal ist es, mit einer Gegenfrage zu ant­wor­ten, weil man da­mit vermeidet selbst eine Antwort geben zu müssen: „Liegen zwischen der in­du­stri­el­len Revolution und Kant nicht Welten?“ oder „Meinen sie, dass Kant eine Art Vorläufer der industriellen Revolution sei?“ Mit einer solchen Reaktion ist ihnen die Verzückung ihres Gesprächspartners sicher. Jedoch em­pfiehlt es sich nun, sich un­ter irgendeinem Vor­wand aus der Runde zu verabschieden („Oh, ich sehe dort gerade je­man­den, den ich unbedingt begrüßen muss. Wenn sie mich bitte entschuldigen wür­den...“), denn sonst werden sie für den Rest des Abends mit sol­chen sinnleeren Phrasen überhäuft.
Betrachten sie also „Bildungsgespräche“ auf Partys etc. wie ein Fußballspiel: Jemand spielt ihnen den Ball zu, sie geben den Ball zu­­rück oder weiter und machen sich keine Ge­­danken darüber, ob der Ball nun aus Leder oder Kunststoff ist. In Notfällen reicht es, wenn sie nur ein Ad­jek­tiv des Redners aufgreifen und mit einem Fragezeichen versehen: „Not­wen­di­ger­weise? Meinen sie das wirklich?“ Wenn ihnen gar nichts mehr einfällt, dann wie­derholen sie Teile der Aussage des Spre­chers und fügen ein „mehr als“ hinzu: „Es ist mehr als eine Reaktion, es ist ein ganz neuer Weg.“
Beliebt ist auch das Einflechten von Zitaten. Niemand wird sofort überprüfen, ob der zi­tier­te Autor dies auch wirklich so gesagt hat, außer es handelt sich um allgemein bekannte Zitate. Wenn sie nicht sicher sind, zitieren sie daher entweder einen unbekannten Autor oder wählen sie ein unbekanntes Zitat eine bekannten Autors. Das funktioniert übrigens auch mit alten chinesischen Sprichwörtern. Sie dürfen dabei ruhig etwas kryptisch und geheimnisvoll daherreden. Je weniger die An­­­­­wesenden verstehen, was sie meinen, de­sto intelligenter werden sie eingestuft. Auf die Spitze getrieben hat dies der ehemalige Chef der amerikanischen Notenbank Alan Green­­span. Wann immer er nicht recht wuss­te, was er einem Reporter sagen wollte oder konnte, wählte er solch kryptisch-sinn­lo­se Worte, dass alle glaubten, er hätte gera­de et­was unglaublich intelligentes gesagt, was nur nie­mand von ihnen verstanden hätte. So wur­de Greenspan zu einer Art modernem Orakel des Weltwährungssystems und nie­mand hät­te es gewagt ihm den Status eines „Man­nes von Welt“ abzusprechen.
Für den Fall, das sie gerade auf der anderen Seite stehen, also bei den Zuhörern eines geist­­reichen Plauderers und Zitierers und kei­­nen Schimmer haben wovon er oder sie redet, dann denken sie an die alten Römer und lächeln einfach nur huldvoll mit einem leichten Kopfnicken. Meistens klärt sich die Sache im weiteren Gesprächsverlauf auf oder das Thema wird gewechselt. In der Sozial­wis­­senschaft wird dies als das Etcetera-Prin­zip bezeichnet. Gemeint ist damit die Fähig­keit ein gewisses Maß an Unver­ständ­lich­keit erst einmal auszuhalten in der Er­war­tung, dass sich gleich alles klärt. Denken sie an ihre Schulzeit: Wie oft wussten sie überhaupt nicht wovon der Lehrer spricht und haben es erst viel später verstanden. Zuge­ge­be­ner­maßen manchmal auch erst Jah­re später. Aber im Extremfall können sie mit einem Zi­tat antworten oder das Thema wech­seln.
Die wichtigsten Autoren der abend­län­di­schen Literatur soll­ten einem Mann von Welt geläufig sein, u.a. Goe­the, Schil­ler, Shakes­pea­re, Mo­lière, Cer­van­tes, Hen­rik Ibsen oder G.B. Shaw. Es scha­det natürlich nichts, wenn sie deren Wer­ke wirk­lich gelesen ha­ben. Falls ihnen das zu müh­sam ist, recher­chie­ren sie ent­­we­der im Inter­net, vor allem bei Wiki­pe­dia, nach einer Zu­sam­menfassung oder suchen sie in einer Bi­bli­othek nach Kind­lers Li­te­ra­tur­lexikon. Da­rin finden sie Zu­sam­men­­­fas­sun­gen aller wich­tigen Werke der Welt­­li­te­ra­tur. Bei Thea­terstücken gibt es außer­dem die Mög­lich­keit sich das Stück auf DVD anzusehen, aber achten sie darauf, dass sich die Film­au­to­ren auch an die Vorlage hal­­ten. Natürlich kön­nen sie auch eine Ro­man­ver­fil­mung auf DVD ansehen, aber be­den­ken sie, dass nur der Roman eine In­nen­ansicht der Cha­rak­tere ermöglicht. Daher weichen Dreh­bü­cher so oft von Roman­vor­la­gen ab. Wenn sie sich im Gespräch nun auf Din­ge be­ziehen, die in der Buchvorlage gar nicht vor­kom­men, weil sie nur den Film ken­nen, kann das ihr Image ernsthaft gefährden, außer ihr Ge­gen­über hat auch nur den Film gesehen. Aber dieses Risi­ko sollten sie bes­ser nicht eingehen.
Wenn sie in ihrem Leben wenigstens einen oder zwei Romane eines oder mehrerer Au­to­ren gelesen ha­ben, möglichst von we­nig be­kannten Au­toren, dann können sie bei Ge­sprächs­runden über andere Autoren zu­min­dest Vergleiche ziehen. Ein Gesprächsbeitrag könnte dann ungefähr folgendermaßen aus­sehen:
Kafka ist ja ganz schön, aber eine Martha Albrand ist er nicht.“
Jetzt hakt jemand nach: „Wie meinen sie das?
Nun ja, sie überzeugt durch die Schwere ihr­er Darstellung. Kafka ist zwar effektiv, aber sind das nicht nur Effekte?
Beachten sie die rhetorische Frage am Ende ihrer Aussage. Damit spielen sie den Ball zu­nächst an den Fragenden zurück. Jede weite­re Nach­frage beantworten sie nun mit Be­zug­nahme auf Albrands Roman „Code Zü­rich AZ900“, den sie gelesen haben. Wenn sie meh­rere Bücher verschiedener Autoren ge­le­sen haben, können sie das Spiel natürlich auch mit mehreren Au­to­ren betreiben.
Etwas einfacher gestaltet sich der Umgang mit der darstellenden Kunst: Man geht in ein Museum, betrachtet die Werke und schweigt. Der Mann von Welt steht folglich in Andacht ver­sunken vor einem Bild oder einer Skulp­tur, betrachtet dieses eingehend – bei Skulp­tu­ren von allen Seiten – und schweigt. Ähn­lich wie in Kirchen und antiken Tempeln mö­gen auch die Götter der Kunst keinen lau­ten Diskurs. Als Ausnahme, die aber un­be­dingt beachtet werden muss, gelten nur Kunst­­werke der sog. modernen Kunst, bei denen man tunlichst nicht in Andacht ver­harrt, sondern sie nach kurzer Betrachtung ab­­hakt. Jemand, der in einer modernen Kunst­­­galerie vor einem gerahmten Schrott­hau­fen andächtig verweilt, zeigt, dass er kein Kunstverständnis besitzt.
Der Grund für diesen Unterschied in der Be­hand­lung von antiker und moderner Kunst liegt in der Betrachtungsweise. Jeder Muse­ums­besucher weiß, wie anstrengend das Be­trachten von Bildern sein kann. Das kommt da­her, dass der Betrachter seinen all­täg­lichen Blick aufgibt und eine Art „Fei­er­tags­blick“ an­nimmt. Im Alltag unterscheiden wir zwi­schen relevantem und irrelevantem. Beim Ein­kaufen im Supermarkt, zum Bei­spiel, be­trach­ten wir nicht das ge­samte Waren­an­ge­bot, sondern suchen aus dem vor uns ste­hen­den Regal das heraus, was wir ge­ra­de brau­chen. Der Rest bleibt unbeachtet im Hinter­grund. Anders in der Kunst. Auf ei­nem Bild ist je­des Detail wichtig, in der Kunst gibt es nichts irrelevantes. Nichts bleibt im Hin­ter­grund verborgen. Der Be­trach­ter wird also ge­zwungen alles auf ein­mal zu sehen und über­fordert damit zwangs­läu­fig sein Wahr­neh­mungsvermögen. Die Fol­ge ist, dass er recht schnell er­müdet und schon bald die museumseigene Cafeteria aufsucht, obwohl er erst seit fünf Minuten im Museum weilt.
Man kann diesen Effekt vermeiden, indem man auch im Museum seinen Alltagsblick beibehält und ein Bild gedanklich in seine Bestandteile zer­legt. Dazu sollte man die wich­tigste Symbolik der Bildersprache ken­nen, die vor allem von älteren Malern ver­wen­det wird. Darin bedeutet zum Beispiel eine Eule Weis­heit, ein Hund Melancholie und ein nep­tu­ni­scher Dreizack in der Hand eines Herrschers, dass er die Meere be­herrscht und z.B. eine Seeschlacht gewonnen hat. Viele Symbole dieser Ikonographie ent­stam­men der antiken Mythologie, der Philo­so­phie oder der Bibel und werden gele­gent­lich in abgewandelter Form genutzt. Durch das gedankliche Zer­le­gen eines Bildes er­spart man sich den über­wäl­tigenden und er­mü­denden Totaleindruck.
Außerhalb des Museums reicht es aus die wichtigsten Bilder der bedeutensten Maler zu er­kennen. Dazu besorge man sich im Buch­han­del einen guten Kunstführer.
Die Philosophie hat im üblichen Diskurs der Stehpartys und Sektempfänge nur wenig Be­deutung. Das liegt zum Teil auch daran, dass kaum jemand die Gedanken eines Hegel oder Kant wirklich versteht. Außerdem würde sich niemand getrauen solch re­nom­mier­ten Per­sönlichkeiten zu widersprechen. Ledig­lich Nietzsche macht eine Ausnahme, da dessen bekannte Zitate (z.B. „Wenn Du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht.“), an den richtigen Stellen des Partydis­kur­ses an­ge­bracht, für Heiterkeit sorgen. Ansonsten do­minieren die Theorien un­zähliger sog. Den­kerschulen, die ihre Be­deu­tung vor allem aus der Definition von Begriffen, Normen und Fragestellungen beziehen. Ein paar be­kann­te Schulen sind die der Strukturalisten, der Neomarxisten, der Feministinnen oder die unsägliche Frank­fur­ter Schule, denen wir die 68er Revolte ver­danken.
Ein einfacher Weg als gebildet zu gelten ist, sich einer Denkerschule an­zu­schließen. Dazu schaue man sich zunächst um, welche einem am sympathischsten er­scheint und eig­ne sich dann deren Begriff­lich­keit gründ­lichst an. Und je mehr die neue Theorie von den alten abweicht, desto bes­ser, weil man dann nicht die traditionellen Theo­rien ken­nen muss und praktisch ohne Vorkenntnisse auskommt. Merke: Eine rich­tig gute Theorie erschafft die Welt neu! Außer­dem sollte es sich um eine junge Theo­rie handeln, die noch wenig Ballast mit sich trägt. Mit ihr kann man wunderbar mit­wach­sen und gilt dann auch als ein Verfechter der ersten Stunde.
Im übrigen gibt es auch Dinge, über die sie bes­ser nicht Bescheid wissen sollten, zu­min­dest nicht offi­ziell. Dazu sind zu zählen: Kenntnisse im Rotlichtmilieu (außer sie sind Sher­lock Hol­mes), Groschen­romane, Frauen­zeit­schriften, Klatsch­­­ge­schich­ten aus der Re­gen­­bo­gen­pres­se (insbesondere die Königs- und Fürsten­häu­ser betreffend), diver­se Fern­seh­­pro­gram­me (der Komiker Harald Schmidt nannte sie „Un­ter­schichten­fern­se­hen“, d.h. Talk­­shows, Seifenopern, Spiel­shows, Reali­ty-TV, Hoch­zeits- oder Ver­söh­nungs­shows, Blödel­pro­gramme etc.), Fußball, Boxen, Wrest­­ling und andere gewalttätige Sport­ar­ten.
Hüten sie sich außerdem davor de­tail­lier­te Vorträge über technische Themen und Appa­ra­tu­ren zu halten, auch wenn sie ganz genau wissen, wie eine Kläranlage funk­tio­niert. Sie gelten auch nicht als ge­bil­det, wenn sie genau erklären können, warum ein Zwölf-Zylinder-Motor einen Acht-Zylin­der-Antrieb überlegen ist.

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