In Großbritannien gibt es bis heute das
gesellschaftliche Ideal des „Gentleman“.
Die Definitionen des Begriffs „Gentleman“
sind vielfältig, laufen jedoch alle auf ein wesentliches
Kriterium hinaus: Ein Gentleman ist jemand, der nicht
für seinen Lebensunterhalt arbeiten muss, wobei gewisse
Tätigkeiten nicht als Arbeit angesehen werden, z.B. in der Politik
oder Juristerei, als Offizier oder im gehobenen Klerus. Ebenso gilt
die Verwaltung des eigenen Vermögens oder Landgutes
nicht als Arbeit. Womit sich der Gentleman den ganzen Tag
über beschäftigt, spielt dabei nur eine untergeordnete
Rolle. Selbst wenn er einer körperlichen Arbeit nachginge, wäre
dies noch akzeptabel, wenn sie nicht dem Broterwerb dient, sondern
eher als Spleen des Gentleman einzustufen ist.
Ein Gentleman ist jedoch nicht gleichzeitig ein
Mann von Welt. Auch wenn er nicht arbeitet – was ein Mann
von Welt ebenfalls sehr ungern macht, sofern er dazu überhaupt
die Zeit findet – ist ein Gentleman im englischen Sinne
der nicht auf Exklusivität achtet kein Mann von Welt, weil
er das entscheidende Kriterium verfehlt. Hat er
überdies ein hohes Golfhandicap, ist er bestenfalls ein
Snob, im schlimmsten Fall aber ein britischer Kleinbürger.
Beiden ist gemeinsam, dass sie meistens irgendwelchen Trends
hinterherlaufen.
Doch auch heute noch gilt in Großbritannien
das Lebensideal des Gentleman als erstrebenswertes
Vorbild. Umfragen unter der britischen
Mittelklasse ergeben immer wieder, dass sich deren
Angehörige für die folgenden Dinge besonders
interessieren: Reisen, Essen gehen, Golf,
Geldanlagen und Wein. All diese Sachen werden auch immer wieder
mit dem britischen Gentleman in Verbindung gebracht.
Exklusivität spielt dabei jedoch keine Rolle. Wie
auch soll man exklusiv sein, wenn man als Vorbild für eine
ganze Gesellschaftsklasse dient? Allerdings ist das
Konzept „Mann von Welt“ im angelsächsischen
Raum weitgehend unbekannt, auch wenn hin und wieder vom „Man of
the World“ die Rede ist, sodass sich dieses Problem
dort nicht stellt. Daher kann umgekehrt das Konzept
des „Gentleman“ aber auch kein Vorbild für den Mann
von Welt sein.
Dass ein Gentleman dennoch auch ein Mann von Welt
sein kann, zeigt der bereits mehrfach erwähnte Sherlock Holmes.
Er erfüllte zum einen die Kernbedingung für einen Gentleman
nicht für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten. Zum anderen setzte er
sich durch sein Verhalten oder seine Vorlieben immer wieder deutlich
von der Masse ab, was seinen Hang zur Exklusivität betonte. Leider
ist nicht bekannt, ob er Golf spielte. Von seinem
Biographen Dr. Watson wissen wir jedoch, dass er ein
ausgezeichneter Sportler war und zahlreiche weite
Reisen unternahm, bei denen er die seltsamsten Kontakte knüpfte.
Außerdem verkehrte er regelmäßig im Türkischen Bad in der
Northumberland Avenue und gelegentlich in Goldinis
italienischem Restaurant in der Gloucester Road. Mehrsprachig
war er auch, u.a. sprach er italienisch, deutsch,
französisch und russisch. Weiterhin war er offenbar in der Lage mit
den für die damalige Epoche üblichen Wasserfahrzeugen
umzugehen, auch wenn er selbst nicht überall Hand anlegte. Sherlock
Holmes ist damit geradezu ein Musterbeispiel für
einen britischen Gentleman der gleichzeitig auch ein
Mann von Welt ist.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen