Sonntag, 3. Dezember 2017

Der Gentleman

In Großbritannien gibt es bis heute das ge­sell­­schaft­li­che Ideal des „Gentleman“. Die De­­fi­nitionen des Be­griffs „Gentleman“ sind viel­­fältig, laufen jedoch alle auf ein wesent­li­ches Kriterium hinaus: Ein Gent­le­­man ist jemand, der nicht für seinen Lebensunterhalt ar­bei­ten muss, wobei gewisse Tätigkeiten nicht als Arbeit angesehen werden, z.B. in der Politik oder Juristerei, als Offizier oder im gehobenen Klerus. Ebenso gilt die Ver­wal­tung des eigenen Vermögens oder Land­gu­tes nicht als Arbeit. Womit sich der Gentle­­man den ganzen Tag über beschäftigt, spielt dabei nur eine un­ter­geordnete Rolle. Selbst wenn er einer körperlichen Arbeit nach­ginge, wäre dies noch akzeptabel, wenn sie nicht dem Broterwerb dient, sondern eher als Spleen des Gentleman einzustufen ist.
Ein Gentleman ist jedoch nicht gleichzeitig ein Mann von Welt. Auch wenn er nicht ar­bei­tet – was ein Mann von Welt ebenfalls sehr ungern macht, sofern er dazu über­haupt die Zeit findet – ist ein Gentleman im eng­li­schen Sinne der nicht auf Exklusi­vi­tät achtet kein Mann von Welt, weil er das ent­schei­den­de Kriterium verfehlt. Hat er überdies ein hohes Golf­handi­cap, ist er bestenfalls ein Snob, im schlimmsten Fall aber ein britischer Klein­bürger. Beiden ist ge­meinsam, dass sie meistens irgendwelchen Trends hin­ter­her­lau­fen.
Doch auch heute noch gilt in Groß­bri­tan­nien das Lebensideal des Gentleman als er­stre­bens­­­wer­tes Vor­bild. Umfragen un­ter der bri­ti­schen Mit­telklasse ergeben im­­mer wieder, dass sich deren Angehörige für die fol­genden Din­ge besonders in­te­res­sie­ren: Rei­sen, Essen gehen, Golf, Geldanlagen und Wein. All die­se Sachen werden auch immer wieder mit dem bri­tischen Gentleman in Ver­­bindung ge­bracht. Exklusi­vi­tät spielt da­bei jedoch keine Rolle. Wie auch soll man ex­klusiv sein, wenn man als Vorbild für eine ganze Ge­sell­schafts­klasse dient? Allerdings ist das Kon­zept „Mann von Welt“ im angel­säch­si­schen Raum weitgehend unbekannt, auch wenn hin und wieder vom „Man of the World“ die Re­de ist, sodass sich die­ses Pro­blem dort nicht stellt. Daher kann um­­ge­kehrt das Konzept des „Gentleman“ aber auch kein Vor­bild für den Mann von Welt sein.
Dass ein Gentleman dennoch auch ein Mann von Welt sein kann, zeigt der bereits mehr­fach erwähnte Sherlock Holmes. Er erfüllte zum einen die Kernbedingung für einen Gent­­leman nicht für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten. Zum anderen setzte er sich durch sein Verhalten oder seine Vorlieben immer wieder deutlich von der Masse ab, was seinen Hang zur Exklusivität betonte. Leider ist nicht be­kannt, ob er Golf spielte. Von sei­nem Biographen Dr. Watson wissen wir je­doch, dass er ein aus­ge­zeich­neter Sportler war und zahlreiche weite Reisen unternahm, bei denen er die seltsamsten Kontakte knüpf­te. Außerdem verkehrte er regelmäßig im Tür­kischen Bad in der Northumberland Ave­nue und gelegent­lich in Goldinis italieni­schem Restaurant in der Gloucester Road. Mehrsprachig war er auch, u.a. sprach er ita­lie­­nisch, deutsch, französisch und russisch. Weiterhin war er offenbar in der Lage mit den für die damalige Epoche üblichen Was­ser­fahrzeugen umzugehen, auch wenn er selbst nicht überall Hand anlegte. Sherlock Hol­mes ist damit geradezu ein Mu­ster­bei­spiel für einen britischen Gent­le­man der gleich­zeitig auch ein Mann von Welt ist.


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