Sonntag, 3. Dezember 2017

Das Gefolge

Ein Mann von Welt kommt selten alleine! Er verfügt natürlich über ein Gefolge. Darunter sind alle Per­so­nen zu verstehen, die sich auf Reisen, bei besonderen Anlässen und na­tür­lich auch im Alltag regel­mäßig in seiner Nähe aufhalten und in irgendeiner Beziehung zu ihm stehen. Zum Gefolge gehören selbst­­ver­ständlich auch die Haustiere.
Eine der Personengruppen, aus denen sich ein Gefolge rekrutiert, sind gute Freun­de, de­ren An­se­hen und Bekannt­heits­grad sich vor­nehm­lich aus dem des Mannes von Welt speist und die sich generell in ihren Hand­lun­gen auf ihn berufen. Das mag sich für den einen oder an­de­ren negativ anhören, ist es aber nicht. Der bereits er­wähn­te Londoner Mei­­ster­de­tek­tiv Sherlock Holmes hatte sei­nen Freund und Kollegen Dr. Watson, der ihm zwar in kein­ster Weise ebenbürtig, aber dennoch eine wich­tige Per­son in seinem Le­ben war. Mr. Hol­mes hat auch kaum eine Ge­­legenheit aus­ge­lassen auf Dr. Watsons Be­­deutung hinzuweisen. Wei­te­re Per­so­nen die man zu seinem Gefolge rech­­nen darf wa­ren seine Vermieterin Mrs. Hud­son und hin und wieder die sog. Baker Street Irre­gu­lars, eine Art Kinder- und Ju­gend­­ban­de, die Hol­mes zu Kund­­schaf­ter­zwecken ein­setzte.
Als weitere Gruppen die ein Gefolge spei­sen wären Familien­an­ge­hö­ri­ge und Bluts­ver­wand­­te zu nennen, deren Stel­lung sich weit­ge­hend aus eben­je­nem Ver­wandt­schafts­ver­hältnis ergibt, und Angestellte und Dienst­­bo­ten, die ein be­son­de­res Vertrauen ge­nießen, was man z.B. daran erkennt, dass sie ihren Dienst­­her­­ren auf Reisen begleiten. Nicht ver­ges­sen wer­­den dürfen die Haustiere des Man­nes von Welt, z.B. ein Hund der sei­nen Herrn oft oder ständig begleitet.
Das Gefolge des vor einigen Jahren ver­stor­be­nen Münchener Modezars und Gesell­schafts­­lö­wen Rudolph Mooshammer bestand aus sei­ner Mutter (bis zu deren Tod), seinem klei­nen Hund Daisy und seinem Chauf­feur. Nach dem Tod seiner Mutter baute Moos­ham­mer für sie und sich selbst ein regel­rech­tes Mau­so­leum auf einem Münche­ner Fried­hof. Nach seinem eigenen Ab­leben versorgte der Chauffeur den Hund Dai­sy, bis auch die­ser seinem Herrn ins Grab folgte. Möglich wur­de dies vor allem durch die testa­men­ta­ri­sche Vor­sor­ge Moos­ham­mers. Ein Mann von Welt sorgt eben auch für das Wohlergehen seines Ge­fol­ges.
Selbstverständlich gehört auch die Dame sei­ner Wahl zum Gefolge eines Mannes von Welt (bei Moos­ham­mer waren Frauen jedoch kein Thema). Gelegentliche Wechsel fallen nur dem genauen Betrachter ins Auge.
Die Größe des Gefolges ist unterschiedlich und hängt ab von der Bedeutung oder dem Geld­­beutel eines Mannes von Welt. Es kommt aber weniger auf die Zahl an, als viel­­­mehr auf die menschliche Qualität der Ge­­folgsleute. Ein treuer Diener ist mehr wert als ein Dutzend wankelmütige. Dies gilt analog für Fami­lien­angehörige, Freunde und für Haustiere.
Dem Mann von Welt ist sein Gefolge ein fe­ster Bezugspunkt in einer sich ver­än­dern­den, oberflächlichen Welt. Es ist eine Art Mikro­kos­mos, den er mit sich führt und in den er sich immer wieder zurückziehen kann.
Außer­­dem repräsentieren und vertreten ihn die Personen aus seinem Gefolge, wie ja auch Dr. Watson gelegentlich seinen Freund Sherlock Holmes vertreten hat. Zum Bei­spiel, in „Der Hund von Bas­ker­­ville“ ist es Dr. Watson der sich mehrere Ta­ge am Schau­­platz des Geschehens aufhält, wäh­rend Holmes noch in London weilt. Und es war Moos­hammers Chauffeur, der sich nach sei­nem Ableben um den Hund Daisy ge­küm­mert hat und kein völlig Fremder. Durch die Repräsentanz nach außen wird das Gefolge zum Bindeglied zwischen dem Mann und der Welt.
Das eindeutigste Zeichen an dem man er­kennt, dass jemand zu einem Gefolge ge­hört ist der sprachliche Bezug. Wenn Außen­ste­hen­de und Zuschauer sich auf je­man­­den als „Freund von...“, „Angestellter von...“ oder „Verwandter von...“ beziehen, dann ge­hört derjenige zu dem ent­spre­chen­den Ge­fol­ge. Seine eigene Identität tritt in den Hin­ter­grund und wird ersetzt durch den Bezug auf die bekannte Persönlichkeit, deren Gefolgs­teil er oder sie darstellt. Das kann für den Betreffenden durchaus Vorteile haben. Nie­mand würde sich heute noch an Dr. Watson er­innern, wäre er nicht der „Freund von“ Sher­lock Holmes gewesen. Und Daisy hat es als „Hund von“ Rudolph Mooshammer zu einer regel­rech­ten Berühmtheit gebracht.
Übrigens: Wenn man ihr Gesicht nicht ge­ra­de aus der Ta­ges­presse kennt und sie deshalb von auf­dring­li­chen Fans überrannt werden, dann sollten sie auf Bodyguards in ihrem Ge­fol­ge verzichten. So et­was leisten sich sonst nur Snobs.

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